Refinanzierungskrise und Medienmarktversagen als demokratiepolitische Herausforderung

**Dieser Blog Post ist Teil der Jean-Monnet-Ringvorlesung: Crises, Democracy and the Media in Europe und der ‘Jean Monnet Chair of European Media Governance and Integration Series’ unter der Leitung von Jean Monnet Chair of European Media Governance & Integration Prof. Katharine Sarikakis, kuratiert von Wagner Piassaroli Mantovaneli und Markos Mpadanes.

Die jetzige Reihe von Blog Posts faellt unter der Frage: Do we need Europe?

By Mathias Karmasin

„When Journalism is in trouble- democracy is in trouble” bringt es der Doyen der amerikanischen Journalismusforschung Philip Meyer auf den Punkt. Viele dieser „troubles“ der „legacy media“ gründen- so meine einleitende These- nicht auf dem Unvermögen der Journalist*innen und nicht auf ihrem Unwillen, nicht auf dem Hang zu Kampagnisierung und Moraldefiziten bei der Recherche, nicht auf der Haltung, daß eine unbequeme Frage eine Zumutung ist, sondern auf dem Versagen medialer Märkte, die eine solide Refinanzierung von Qualitätsjournalismus zunehmend schwierig machen.

Dieser ökonomische Druck ist es auch, der in internationalen Umfragen (http://www.worldsofjournalism.org/fileadmin/Illustration/Maps/Eco-Infl.png) und Studien mit Österreich Bezug (wie den Journalisten Reports- http://mhw.at/journalistenreport/) als Hauptursache für Probleme wie redaktionelle Unterbesetzung, Zeitdruck und den Problemen investigativer (und personalintensiver) Recherche genannt wird. Wenn die Reaktionen im Vergleich zu den PR Stäben der Regierungen und Konzerne personell ausgedünnt sind, weil es eben keine Refinanzierung dafür mehr gibt, wird es immer unwahrscheinlicher jene Geschichten zu recherchieren, deren Publikationen der Message Control widersprechen könnten. Damir wird es aber auch immer schwieriger die Funktion als 4. Gewalt zu erfüllen und als gate watcher der unendlichen Fülle von Information und PR Spins Struktur zu geben. Das könnte nun eigentlich egal sein, denn Digitalisierung und Mediatisierung verändert viele Geschäftsmodelle- nicht nur jene der Medien-, wenn nicht der Zusammenhang der Qualität von Öffentlichkeit und von Demokratie so eng wäre. Genau darauf hebt das Zitat von Phil Meyer ja ab. Damit wäre aber auch ein Ansatzpunkt der Veränderung eben an jenen wirtschaftlichen Strukturen und Refinanzierungsbedingungen anzusetzen.

gift-habeshaw-596300-unsplash
Photo by Gift Habeshaw on Unsplash

Es gibt aber wohl in unserer Gesellschaft kaum ein Feld, in dem so viele und so unterschiedliche Interessen öffentlich und weniger öffentlich auf einander prallen wie jenes der Medien und das schließt Medienförderung und die ordnungspolitische Gestaltung medialer Märkte mit ein. Selten bestimmt der Standort den Standpunkt so nachhaltig. Was lässt sich also -zumindest vor dem Hintergrund der wissenschaftlichen Befassung damit- außer Streit stellen?

1., dass der Medienmarkt prototypisch für Marktversagen ist. Es beginnt damit daß es „den“ Medienmarkt eigentlich nicht gibt.  Medienunternehmen agieren auf zwei Märkten: einem Vertriebs- und einem Werbemarkt, die zwar über relative Preise(„Tausendkontaktpreise“) verbunden sind, aber dennoch unterschiedliche Funktionsweisen haben.  Im ersten gilt, daß, bedingt durch die starke Degression der Durchschnittskosten („economies of scale“), hohen Kosten der „first copy“ und Grenzkosten von (fast) null, große Verbreitungsmengen sich besser rechnen als kleine. Wenn sie sich denn rechnen, denn viele „digital natives“ zahlen zwar ein beträchtliches Markenpremium für konvergente Endgeräte, aber betrachten Content als (kostenloses) Gemeingut. Ganz abgesehen davon, daß Vertriebspreise und journalistische Qualität nicht korrelieren. Dies führt ohne Eingriffe von außen unweigerlich zum Mainstreaming, zur Konzentration und zur Abnahme von Angebotsvielfalt.

Für den zweiten gilt, daß bedingt durch Tausendkontaktpreise und Zielgruppenaffintät im Wesentlichen die Ausschöpfung eines bestimmten Publikumssegments honoriert wird – kurz: je größer in diesem Segment desto profitabler („Anzeigen Auflagen Spirale“). Manchmal so profitabel, daß man im Publikumsmarkt überhaupt auf Erlöse (Vertriebspreise) verzichten kann und sich nur durch Werbeerlöse refinanziert. In Summe bedingt dies auf beiden Märkten eine starke Tendenz zur Konzentration und zum allokativen Versagen. Darüber hinaus weisen einige der auf Medienmärkten gehandelten Güter, Charakteristika öffentlicher Güter auf (zumindest was die Contents betrifft: Nichtrivalität im Konsum und Nichtausschließbarkeit) und Medien sind im Kern duale Güter (also Wirtschafts- und Kulturgüter zugleich) – auch das begründet Marktversagen. Es gibt breiten medienökonomischen Konsens, daß ordnungspolitische Eingriffe zur Vermeidung bzw. Abmilderung negativer Effekte dieses Marktversagen jedenfalls geboten sind- die Frage ist also nicht ob in Medienmärkte eingegriffen wird, sondern wie. Hier gibt es in Europa eine breite Palette an Lösungen, deren Varianz auch viel mit den mediensystematischen Spezifika zu tun hat.

  1. Medien stellen nicht irgendetwas, sondern Öffentlichkeit her.

Nicht nur formal, sondern auch materiell produzieren Medien Güter, die eine spezifische gesellschaftliche Funktion haben. Kurz gesagt: Medien stellen Öffentlichkeit her und das ist deswegen relevant, da die Qualität von Öffentlichkeit und Qualität von Demokratie in engem Zusammenhang stehen. Zur Herstellung dieses Zusammenhanges ist bei aller Relevanz von social media und citizen journalism, bei aller Bedeutung von business cases wie facebook und google Qualitätsjournalismus unabdingbar. Eben auch um Themen, die nicht unbedingt eingängig und werbeattraktiv sind, öffentlich zu diskutieren. Nicht nur in öffentlich-rechtlichen Medien, sondern breit und in allen Facetten. Wie es Jürgen Habermas als wohl prominentester Chronist des Strukturwandels der Öffentlichkeit formuliert:  “Im 19. Jahrhundert sind mithilfe des Zeitungsdrucks und der Massenpresse in großflächigen Nationalstaaten Öffentlichkeiten entstanden, in denen die Aufmerksamkeit einer unübersehbar großen Zahl von Personen zur gleichen Zeit auf dieselben Themen gelenkt worden ist. Das sind die zentrifugalen Bewegungen, die wir nun auch im Web beobachten. Das Netz bringt diese Leistungen aber nicht aus sich selbst hervor, im Gegenteil: Es zerstreut. Denken Sie an die spontan auftauchenden Portale, sagen wir: für hochspezialisierte Briefmarkenfreunde, Europarechtler oder anonyme Alkoholiker. Solche Kommunikationsgemeinschaften bilden im Meer der digitalen Geräusche weit verstreute Archipele – vermutlich gibt es Milliarden davon. Diesen in sich abgeschlossenen Kommunikationsräumen fehlt das Inklusive, die alle und alles Relevante einbeziehende Kraft einer Öffentlichkeit. Für diese Konzentration braucht man die Auswahl und kenntnisreiche Kommentierung von einschlägigen Themen, Beiträgen und Informationen. Die nach wie vor nötigen Kompetenzen des guten alten Journalismus sollten im Meer der digitalen Geräusche nicht verloren gehen.” http://www.berliner-zeitung.de/kultur/interview-mit-juergen-habermas-die-lesarten-von-demokratie,10809150,27507366,item,0.html

  1. Das eben zitierte „Meer der digitalen Geräusche“, ist eine Konsequenz der technischen, sozialen und ökonomischen Entwicklung und Veränderung des Mediensektors. Schlagworte wie Digitalisierung, Konvergenz, Globalisierung, Mediatisierung, Wandel der Mediennutzung mit Folgen wie Personalisierung und Fragmentierung der Öffentlichkeit aber auch Refinanzierungskrise der „legacy media“ können hier nur stichwortartig umrissen werden. Als kommunikationswissenschaftlich gesicherter Befund bleibt, daß Medien als Industrie und als gesellschaftliche Instanz von nachhaltigen Umbrüchen und Diskontinuitäten betroffen sind.

Was folgt daraus? Zumindest aus meiner Perspektive wird deutlich, daß man dieses Marktversagen kompensieren muß, will man die demokratiepolitische und die ökonomische Leistungsfähigkeit der Medien erhalten (die in meiner Auffassung auch zusammenhängen).  Ziel sollte damit nicht die Subvention einer notleidenden Branche sein, sondern eine Investition in die Infrastruktur der Demokratie mit dem Ziel einer möglichst hohen Qualität von Öffentlichkeit und entsprechender media literacy. Gefördert werden soll kurz gesagt, was Wertschöpfung in den jeweiligen Ländern zumindest jedoch in Europa ermöglicht und was demokratiepolitisch von Wert ist- und das ist mehr oder minder professioneller, qualitätsvoller und (in jeder Hinsicht) unabhängiger Journalismus in größter Pluralität, der freilich nicht immer auf sog. Legacy media und auf klassische berichtende Formate beschränkt sein muss- so wie es auch die aktuelle Reform in Schweden vorsieht. Aber auch eine Debatte nach welchen Kriterien Werbegelder alloziiert werden- nicht nur jene der öffentlichen Hand und im öffentlichen Sektor, dort wäre besonders sorgsam damit umzugehen -sondern auch im privaten Bereich- etwa von Unternehmen. Heißt das der Staat und Unternehmen festlegen sollen, was guter Journalismus ist- nein natürlich nicht, aber sehr wohl, daß man Strukturen der Selbstregulierung (media accountability) stützt und fördert, die sich um Qualität bemühen wie z.B. in Form von Presseräten bzw. Medienräten, Ethik Codizes, Medienkritik und Medienbildung.

Ist ein Abschied von der Medienpolitik als Machtpolitik indes sinnvoll- kann man die Politik vor der Versuchung schützen in die Medien einzugreifen? Nationalstaatlich besehen sicher nicht ganz einfach- aber im Sinne europäischer Politik möglich und wünschenswert und sicher eine Bemühung wert, die jenseits von PR für die EU Institutionen und dem Versuch einer europäischen Öffentlichkeit die Schaffung demokratischer Infrastrukturen im Blick hat. Welch geändertes Verständnis von Digitalisierung und welche Adaption der Verträge notwendig wären, kann hier nicht skizziert werden- aber als Denkanstoß möge genügen, daß gerade hier suprastaatliche evidenzbasierte Politik als Gestaltung der res publica ein Gebot der Vernunft wäre.

Advertisements

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s