Politische Sozialisation von Kindern und Jugendlichen

This blog post is part of the ‘Jean Monnet Chair of European Media Governance and Integration Series’ headed by Jean Monnet Chair of European Media Governance & Integration Prof. Katharine Sarikakis, and curated by Wagner Piassaroli Mantovaneli and Markos Mpadanes.

 

Hanna Liftinger

 

Ende Mai hatten rund 340 Millionen wahlberechtigte EU-Bürgerinnen und -Bürger die Möglichkeit, das Europäische Parlament neu zu wählen und eine richtungsweisende Entscheidung für Europa zu treffen. Seit 1999 lag die Wahlbeteiligung zum ersten Mal wieder über 50 Prozent. Um diesen positiven Trend auch längerfristig fortzusetzen, ist es wichtig, schon bei den Jüngsten in unserer Gesellschaft anzusetzen und ihnen Möglichkeiten zu geben, sich aktiv ins politische Leben einzubringen. Denn schließlich sind sie es, die zukünftig die Entscheidungen in unserer Gesellschaft treffen. In diesem Artikel geht es darum, was notwendig ist, um die politische Sozialisation von Kindern und Jugendlichen zu fördern, welche Maßnahmen es auf europäischer Ebene bereits von Seiten der Politik, der Medien und der Schulen gibt, um ihnen Partizipation zu ermöglichen und wo noch Aufholbedarf besteht.

 

Kommunikative Kompetenz als Voraussetzung für politische Sozialisation

Der Grundstein für politische Sozialisation wird schon im jungen Alter gelegt (Reinders 2016: 85). Deshalb sollte möglichst früh begonnen werden, das politische Interesse von Kindern und Jugendlichen zu wecken und ihnen die nötigen Kompetenzen zu vermitteln, die sie brauchen, um sich aktiv als Bürgerinnen und Bürger am politischen Leben beteiligen zu können. Laut Shah et. al (2009: 102) ist der Schlüssel zu politischer Sozialisation die sogenannte kommunikative Kompetenz. Menschen brauchen sie um Informationen zu verarbeiten und kritisch zu hinterfragen, Ideen zu entwickeln und ihre Meinung ausdrücken zu können. Die kommunikative Kompetenz kann sich dann möglichst gut entwickeln, wenn verschiedene Einflussfaktoren optimal zusammenspielen:

  • die Mediennutzung,
  • die deliberativen Aktivitäten in der Schule
  • die Kommunikationsmuster innerhalb der Familie und
  • die interpersonelle Kommunikation zuhause, in der Schule und mit Gleichaltrigen.

 

Maßnahmen von Politik, Schulen und Medien

Damit junge Menschen kommunikative Kompetenz entwickeln können und die Chance haben, sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen, sind vor allem Unterstützung und Initiativen von Seiten der Politik gefordert. Auf Europaebene wurde im November vergangenen Jahres die neue EU-Jugendstrategie verabschiedet. Sie legt den Rahmen für die jugendpolitische Zusammenarbeit der EU-Mitgliedsstaaten von 2019 bis 2027 fest. Ziele dieser Jugendstrategie sind unter anderem die Vermittlung europäischer Werte, die Förderung des sozialen und bürgerschaftlichen Engagements von Jugendlichen und ihre verstärkte Partizipation am politischen Leben. Zur Erreichung dieser Ziele gibt es zahlreiche Initiativen wie beispielsweise den EU-Jugenddialog oder Die europäische Jugend vereint.

Auch die Schulen übernehmen eine entscheidende Rolle bei der Herausbildung der kommunikativen Kompetenz von jungen Menschen. Schließlich sind sie eine der wichtigsten Sozialisationsinstanzen im Jugendalter (Palentien 2016: 103). Mit dem Ziel das Bewusstsein für Europa bei jungen Menschen zu stärken werden verschiedene Projekte angeboten an denen sich Schulen beteiligen können. Beispielsweise können sie sich als Botschafterschulen des europäischen Parlaments zertifizieren lassen oder Mitglied des Netzwerks Europa in der Schule werden. Wichtig ist aber nicht nur die Mitwirkung an Projekten, sondern auch das Mitbestimmungsrecht von Schülerinnen und Schülern innerhalb der Schulen zum Beispiel in Form von Schülerparlamenten, Schulsprecherwahlen etc. Diese sollen das Erlernen von Demokratie fördern.

Neben Politik und Pädagogik nimmt außerdem die Mediennutzung Einfluss auf die politische Sozialisation. Nur wer informiert ist, kann sich seine eigene Meinung bilden, Argumente abwägen und reflektierte Entscheidungen treffen. Ein frühzeitiger Nachrichtenkonsum ist deshalb essentiell, um Kinder zu interessierten Bürgerinnen und Bürgern zu erziehen. Für Kinder sind die Nachrichten für Erwachsene jedoch meist nur schwer verständlich und enthalten oftmals für ihr Alter ungeeignete Inhalte. Deshalb braucht es spezielle altersgerechte Nachrichtenangebote, die auf die Bedürfnisse von Kindern abgestimmt sind und ihr Interesse für gesellschaftsrelevante Themen wecken können. Zwei Beispiele für gelungene kindgerechte Nachrichten in Europa sind laut einer Studie von Klinger und Müller (2015) beispielsweise logo!, ein Format des deutschen öffentlich-rechtlichen Kindersenders KiKa sowie newsround, die Kindernachrichtensendung der britischen BBC. Wirft man aber einen generellen Blick auf die europäische Medienlandschaft, so stellt man fest, dass das Angebot ansonsten relativ begrenzt ist.

 

Fazit

Politische Sozialisation von Kindern und Jugendlichen sollte als Grundhaltung von Politik und Pädagogik verstanden werden. Nur wenn jungen Menschen entsprechendes Vertrauen von der Gesellschaft und den politischen Entscheidungsträgern entgegengebracht wird, können sie sich zu mündigen, politisch interessierten Bürgerinnen und Bürgern entwickeln (Gille et al. 2016: 189). Dazu müssen entsprechende Strukturen und Angebote geschaffen werden, die es jungen Menschen möglich machen, ihr Potential zu entfalten und sich aktiv an der Gesellschaft zu beteiligen. Eine wichtige Rolle kommt dabei den Schulen zu. Sie sollen Partizipationsmöglichkeiten bieten, durch die Schülerinnen und Schüler Entscheidungs-kompetenzen erlernen können. Daneben braucht es Medienformate, die auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen abgestimmt sind. Wünschenswert wäre dabei ein europaweiter Ausbau des Kindernachrichtenangebots. Hier sind vor allem die öffentlich-rechtlichen Sender gefordert, die sich dem Public Value verschrieben haben und somit auch für Kinder – als wichtiger Teil der Gesellschaft – einen Mehrwert erzielen sollen.

Im November diesen Jahres feiert die UN-Kinderrechtskonvention ihren 30. Geburtstag. Eines der zentralen Prinzipien, auf denen die Konvention beruht, ist die Achtung vor der Meinung des Kindes. Dies sollte Anlass sein um darüber nachzudenken, wie wichtig es ist, die Meinung von jungen Menschen ernst zu nehmen und sie mitbestimmen zu lassen.

 

Quellen

Gille, Martina, de Rijke, Johann, Décieux, Jean Philippe & Willems, Helmut (2016): Politische Orientierungen und Partizipation Jugendlicher in Deutschland und Europa. In: Gürlevik, Aydin, Hurrelmann, Klaus & Palentien, Christian (Hg.): Jugend und Politik. Politische Bildung und Beteiligung von Jugendlichen. Springer Fachmedien, Wiesbaden, 163-193. Online unter https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-09145-3_9 (10.05.2019).

Klinger, Jessica & Müller, Antje (2015): Eignen sich Kindernachrichten für Kinder? Eine vergleichende Qualitätsanalyse der Kindernachrichtensendungen Logo! und Newsround. In: Medienwelten 3 (5). Online unter https://journals.qucosa.de/ejournals/zfm/article/view/2015-5-klinger-mueller/pdf_10 (08.05.2019).

Palentien, Christian (2016): Erziehungswissenschaftliche Betrachtung. Mitwirkung, Interesse und Lernmotivation in der Schule. In: Gürlevik, Aydin, Hurrelmann, Klaus & Palentien, Christian (Hg.): Jugend und Politik. Politische Bildung und Beteiligung von Jugendlichen. Springer Fachmedien, Wiesbaden, 103-114. Online unter https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-09145-3_6 (10.05.2019).

Reinders, Heinz (2016): Politische Sozialisation Jugendlicher. Entwicklungsprozesse und Handlungsfelder. In: Gürlevik, Aydin, Hurrelmann, Klaus & Palentien, Christian (Hg.): Jugend und Politik. Politische Bildung und Beteiligung von Jugendlichen. Springer Fachmedien, Wiesbaden, 85-101. Online unter https://link.springer.com/chapter/10.1007/978-3-658-09145-3_5 (10.05.2019).

Shah, Dhavan V., McLeod, Jack M. & Lee, Nam-jin (2009): Communication Competence as a Foundation for Civic Competence. Processes of Socialization into Citizenship. In: Political Communication 26 (1), 102-117. Online unter https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/10584600802710384 (08.05.2019).

 

Hyperlinks

http://www.europarl.europa.eu/news/en/headlines/priorities/eu-elections-2019

https://europawahlergebnis.eu/

https://ec.europa.eu/youth/policy/youth-strategy_de

http://www.strukturierter-dialog.at/

https://www.eu-foerdermittel.eu/die-europaeische-jugend-vereint/

http://www.europarl.europa.eu/austria/de/jugend/school/botschafterschulen.html

https://www.politik-lernen.at/site/projekte/netzwerkeuropainderschule

https://www.zdf.de/kinder/logo

https://www.bbc.co.uk/newsround

https://unicef.at/fileadmin/media/Infos_und_Medien/Info-Material/Kinderrechte/UN_Konvention_ueber_die_Rechte_des_Kindes.pdf

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